»Wörlitz ist keine lokale Größe, nicht einmal eine deutsche, es ist eine europäische, eine Weltangelegenheit...«

schrieb im Jahr 1925
der Kunsthistoriker
Wilhelm van Kempen

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Wörlitz lädt zu einem außergewöhnlichen Bildungs- und Kunsterlebnis ein

Fürst Franz verfolgte mit dem Reformprogramm die Absicht, sein Land zu befördern und volkserzieherisch zu wirken.

Der große jüdische Sohn der Stadt Dessau, Ludwig Philippson, schrieb in seiner Autobiographie über die Wirkung des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches auf seinen Bildungsgang:

"Rings um die Stadt herrliche Parke und Gärten mit Schlössern, in welchen Kunstschätze gesammelt waren, und diese waren dem Publikum zu aller Zeit völlig geöffnet... Selbstverständlich wirkten alle diese wohlgepflegten Anlagen frühzeitig auf die Entwicklung des Geschmacks, gaben dem jugendlichen Geiste Richtung, die er später verfolgen konnte, und verlieh dem Volk einen gewissen Anstand, eine gewisse Würde, die auch nicht ohne sittlichen Einfluß waren... So war für Volksbildung, für Wissenschaft und Kunst - denn auch tüchtige Maler waren hier anzutreffen - in reichem Maß gesorgt".

Der Besucher der Wörlitzer Anlagen kann auch heute noch erleben, wie anregend Bauwerke, Sichtbeziehungen, kleine Tempel, Büsten, allegorische Figuren und gestaltete Natur auf jeden in eigener Art wirken.

Anbau zum Gotische Haus Das Gotische Haus zum Beispiel entstand gleich, nachdem 1773 das klassizistische Schloss eingeweiht war. Es wurde geschaffen, um die altdeutschen Sammlungen des Fürstenhauses zu beherbergen. Der ältere Teil, die Kanalfront, ist die Wiedergabe eines Reiseeindrucks, Erinnerung an eine der schönsten gotischen Kirchen Oberitaliens, Maria dell' Orto (Maria im Garten) in Venedig. Man versäume nicht einen der bedeutendsten Fächerblicke, der sich von der Eingangstür aus eröffnet (darüber lag Franz' Arbeitszimmer). Für das Museum und die spätgotische Glasmalerei-Sammlung musste 1785 der südliche Erweiterungsbau angesetzt werden, wodurch das Ganze so verwinkelt wurde wie ein echter gotischer Bau. Hier dominiert die "Tudorgotik" (Backstein). Mit diesem Bauwerk wurde Wörlitz auch Ausgangspunkt für die Neugotik in Deutschland.

Die Stufen- oder Weiße Brücke, die ihr Vorbild in einer Brücke von Chambers im Garten von Kew hat, ist eine von ursprünglich 16 unterschiedlichen gewässerüberspannenden Konstruktionen in den Anlagen, die als pädagogisches Programm die Entwicklung der Brückenbaukunst aufzeigen: darunter die früheste Form einen Fluss zu durchqueren - die Furt - und ein Nachbau der damals modernsten, eisernen Brücke von Coalbrookdale über den Severn (Westengland). Zu den Formen und Herkunftsbeispielen, die in Wörlitz ein Abbild fanden, gehören auch ein einfacher Baumstamm über das Gewässer, eine Zugbrücke (seit Oktober 2001 wieder hergestellt) und eine Drehbrücke (heute nicht mehr vorhanden), das ein Gewässer überspannende Haus auf einer Brückenkonstruktion, die Schwimmbrücke, die Renaissance-, Barock- und die klassische Brücke.

Boettiger charakterisierte bereits 1797 den Venustempel als "das schönste und regelmäßigste Gebäude des ganzen Parkes". Das Vorbild, der Sybillentempel von Tivoli, ist wiederholt in verschiedenen Gärten Englands nachgebaut worden. 1774 erfolgte in Wörlitz eine Nachbildung aus Holz. Sie wurde 1794-97 durch eine dorische Sandsteinrotunde mit 10 Säulen ersetzt, die ihrerseits als Beispiel für verschiedene Tempelbauten jener Zeit diente. In dem allseitig offenen Tempel steht ein Gipsabguss der Venus von Medici (Göttin der Schönheit und der Liebe).

Floratempel Das beherrschende Bauwerk des Floragartens, ist der Floratempel. Er hat sein Vorbild in dem Ruinentempel über der Quelle des Clitumno in Umbrien. Der Göttin der Blumen zu Ehren ist dieser Bereich verstärkt mit schönen Blumenrabatten versehen, die im Landschaftsgarten sonst nicht so häufig anzutreffen sind.

Diese wenigen Beispiele belegen, dass den Besucher auf Schritt und Tritt neue künstlerische Eindrücke, Anregendes, Schönes und Wissenswertes erwarten. Außerdem kann man in den ständigen Ausstellungen im Schlossmuseum, im Museum Gotisches Haus und in der Galerie am Grauen Haus (Sonderausstellungen) wertvolle Gemälde, Sammlungen und Kunstgegenstände besichtigen. Ein Kunstgenuss der besonderen Art sind die Konzerte auf dem Wörlitzer See. In der warmen Jahreszeit fahren Orchester und Zuhörer in Gondeln auf den See hinaus und so kann man bei klassischer Musik den Sommerabend in romantischer Kulisse ausklingen lassen.